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Kriegs- und Notzeiten

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Das so hoffnungsvoll begonnene Jahrhundert brachte aber schon 1914 die große Schicksalswende.

Mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Serajewo hatte sich die politische Lage in Europa gefährlich zugespitzt. Die Ereignisse der letzten Julitage - Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli und die unmittelbar darauf folgende russische Mobilmachung - ließen nur eine Deutung zu: Es gibt Krieg!

Überall in Deutschland wo in diesen heißen Augusttagen Menschen zusammenkommen, bestimmten die politischen Ereignisse das Gesprächsthema. In unserem Dorf war es nicht anders. Während auch hier viele die Ansicht vertraten, der Krieg sei unvermeidlich, vertrauen andere auf den Friedenswillen des Kaisers. Zudem, wer würde es schon wagen mit dem großen, starken Deutschland, seinem mächtigen Heer und seiner riesigen Flotte anzubinden?

Doch während man noch debattierte, war die Entscheidung schon gefallen. Am 1. August 1914 erklärte das mit Österreich verbundene Deutschland Russland den Krieg. Damit war der Weltbrand entzündet und unter 43 Friedensjahre der Schlussstrich gezogen.

Die Ereignisse des Ersten Weltkriegs (1914-1918) hinterließen auch im Dorf ihre Spuren. Die wehrfähigen Männer - insgesamt waren es 70 Dörfler - zogen in den Krieg; 17 von ihnen kamen nicht mehr zurück.

Den Kriegsjahren folgten schwere Nachkriegsjahre. Mit der Revolution, später mit den Inflationsjahren kamen Not und Sorge über viele Dorfbewohner. Werte, die vorher Maßstab waren für Gesetz und Ordnung, Vertrauen und Zuversicht waren zerfallen. Mühselig Erspartes war durch die Inflation wertlos geworden.

Doch wie in früheren Zeiten bewährte sich auch in diesen schlechten Jahren die Dorfgemeinschaft.

Die Wunden des Ersten Weltkriegs waren noch nicht vernarbt und unser Dorf von den Folgen des wirtschaftlichen Niederganges noch immer betroffen, sah man schon wieder am Horizont die ersten Anzeichen eines kommenden Krieges.

Als 1933 Hitler an die Macht kam, war zunächst nichts davon zu merken. Im Gegenteil: Die Arbeitslosenzahl ging zurück, und für kinderreiche Familien wurde etwas getan; es gab zum ersten Mal Kindergeld. Kein Wunder also, dass man auch bei uns an die Wiedergeburt der Deutschen Einigkeit. und an eine glücklichere Zukunft glaubte. Dafür schien auch für die Meisten der alte Reichspräsident von Hindenburg bester Garant zu sein. Nur Wenige ahnten, dass mit Hitler und seinem propagierten völkischen Erneuerungswillen das traurigste und beschämenste Kapitel der Deutschen Geschichte begonnen hatte. Es endete 1945 mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches.


Für unser Dorf war in den Kriegsjahren das einschneidenste Erlebnis die Zerstörung der Sperrmauer, obwohl es nicht direkt von den verheerenden Folgen betroffen wurde.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 sprengten englische Spezialflugzeuge die Staumauer der Möhnetalsperre. Mit rasender Geschwindigkeit ergoss sich eine 10 Meter hohe Wassermauer in das untere Möhnetal und begrub ganze Dörfer unter sich. Bis Neheim reichten die Verwüstungen, die über Nacht Zehntausende obdachlos machten. In wenigen Stunden kamen mehr als 12000 Menschen um. Kurz vor Kriegsende kam es auch in unserem Dorf zu Zerstörungen. Kampfgeschütze der einmarschierenden Amerikaner beschossen das Dorf. Es kamen aber nur einige Häuser zu Schaden, Menschenleben waren nicht zu beklagen. Von den Kriegsteilnehmern des Dorfes waren 18 gefallen, 7 Dorfbewohner wurden vermisst.

Die heutige Generation wird sich nur schwer vorstellen können, wie es nach 1945 in dem zerstörten Deutschland aussah. Die Stunde Null, die am B. Mai den neuen Anfang brachte, begann mit 400 Millionen Kubikmeter Schutt, mit Millionen von Flüchtlingen - 1948 waren es 12-13 Millionen mit Hunger, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. - Aber auch mit der Erkenntnis: Schlimmer kann es nicht mehr kommen!

Wie in allen Städten und Orten so ging man auch in unserem Dorf daran, Kriegsschäden zu beseitigen und sich für das Weiterleben einzurichten. Die Werte haben sich wieder einmal verschoben. Wer ein Dach über dem Kopf hatte, war reich, wer über Sachwerte verfügte, war ein Krösus. Die Lebensmittelzuteilung betrug 1500 Kalorien. Die Geldwährung richtete sich nach dem Preis einer Zigarette, die auf dem Schwarzen Markt mit 8,- bis 10,- RM gehandelt wurde.

Am 20. Juli 1948 wurde mit einem radikalen Währungsschnitt die bis dahin noch gültige RM entwertet. Jeder Einwohner erhält 40,- DM, die in den Vereinigten Staaten gedruckt wurden. Weitere 20,- DM wurden einige Monate später nachgezahlt.

Was im Wiederaufbau mit 40,- DM in der Tasche dann im Laufe der nächsten Jahre geleistet wurde, wird in den nachfolgenden Jahren im Ausland respektvoll als das Deutsche Wirtschaftswunder angesehen.



Dorf-Ehrenmal

 

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